Ein interessanter Vergleich, den Miles Ledoux hier anstellt. Die Figur Hercule Poirot kann auf den ein oder anderen Schauspieler verweisen, der sich an ihrer Verkörperung versucht hat. Aber selbst Namen wie John Malkovich, Ian Holm oder Tony Randall sind zumindest im Zusammenhang mit Poirot längst vergessen. Am Ende bleiben die großen vier, von denen abgesehen von Albert Finney auch alle in einer eigenen Version von Tod auf dem Nil mitspielten. Und genau diese drei Versionen nimmt Ledoux unter die Lupe:
Wer ist jetzt aber der beste Hercule Poirot?
Oder zumindest die beste Verfilmung …
Eine knifflige Frage. Insgesamt finde ich inzwischen, dass die beste Charakterisierung des Hercule Poirot inzwischen von David Suchet gespielt wird. Dank der britischen TV-Serie, in der Tod auf dem Nil ein 90minütiges Special war, verkörperte er die Figur 13 Jahre lang. Neben den Romanen von Agatha Christie, wurden dabei auch die Kurzgeschichten mit Poirot aus der Feder der Queen of Crime verfilmt.
Aber so sehr ich David Suchet’s Poirot auch schätze, noch lange vor den Büchern und auch vor der TV-Serie war da Peter Ustinov. Sein Hercule Poirot hat für mich etwas von einer Ikone, seine Interpretation unterscheidet sich deswegen allerdings auch vom Original. Während Suchet die Marotten von Poirot todernst herunterspielt, lässt Ustinov eine große Portion Selbstironie erkennen. Obwohl natürlich auch Ustinov allein durch seine Präsenz zu verstehen gibt, das niemand an Hercule Poirot heranreicht.

Kenneth Branagh ist der Dritte im Bunde. Auch ihn schätze ich, als Regisseur und Darsteller. Ob es jedoch gut ist, dass er sich an Hercule Poirot in seiner Neuinterpretation austoben kann? Ich weiß es nicht. Nicht nur weil er bei dem Versuch der Figur eine Vorgeschichte zu geben, mit jener Vorgeschichte kollidiert, die Agatha Christie selbst hier und da ausgearbeitet hat. Als Regisseur scheitert er in Tod am Nil aber auf vielfältige Weise, nicht nur durch seinen Versuch Action aller Hollywood einzubinden. In seinem Versuch die heutige Gesellschaft im Setting der Zwischenkriegszeit zu präsentieren, klammert er beispielsweise den Rassismus der damaligen Zeit aus. Was schon ein wenig ironisch ist, wenn man zumindest vermuten darf, dass die Besetzung von weißen Charakteren mit schwarzen Schauspielern auch Diversity-Checklisten geschuldet sein könnte.
(Übrigens, Agatha Christie hatte gar kein Problem auch nicht weiße Figuren in ihren Büchern auftreten zu lassen. Allerdings versah sie die Figuren mit einem glaubwürdigeren Background.)
Abgesehen davon finde ich Kenneth Branagh’s Modernisierung des Charakters von Hercule Poirot auch deshalb zumindest schwierig, weil Poirot schon von Agatha Christie in ihren Büchern als ein aus der Zeit gefallener Protagonist entworfen wurde. Das ist es, was Ustinov durch seine Komik darstellt und Suchet durch seine Glaubwürdigkeit.
Neuinterpretationen sind nicht immer ein Glücksfall
In seiner Neuinterpretation geht Branagh einen ähnlichen Weg wie die Ustinov-Filme, zumindest was die Starpower angeht. Bei einem Direktvergleich könnte man allerdings fast nostalgisch werden, denn so wirklich überzeugend ist der Support für Branagh’s Poirot nicht. Alleine David Niven aus der Ustinov-Version könnte die gesamte moderne Schauspielriege an die Wand spielen. Gemeinsam ist den Filmen aber, dass vor allem das Opfer – oder sagen wir besser, das primäre Opfer – von Gal Gadot 2022 ebenso blass gespielt wird, wie 1978 von Lois Chiles. Letztere kennen heute wahrscheinlich nur noch Bond-Fans, aber selbst ich müsste googeln, um sicher zu sein, dass sie das Bond-Girl in Moonraker war. (Schreibt es in die Kommentare, wenn ich mich irre.)
In der TV-Variante von 2004 wird die reiche Erbin Linnet Ridgeway-Doyle von einer damals noch unbekannten Emily Blunt gespielt. Und sagen wir’s, wie es ist. Blunt überragt ihre Konkurrentinnen um Längen. Während Emma Griffiths Malin als Jackie gegen die dem Wahnsinn der Liebe verkörpernden Mia Farrow wieder den Kürzeren zieht. Und die hat eben auch in der Ustinov-, nicht der Branagh-Neuinterpretation mitgespielt.
Und der Gewinner ist
Ein abschließendes Urteil fällt schwer, wobei ich die Wahl zumindest eingrenzen kann. (Sorry, aber die Version von und mit Kenneth Branagh ist raus. Egal wie viele Filme er noch dreht. Und ehrlich gesagt hoffe ich, dass es nicht mehr allzu viele sind.)
Am Ende würde ich sagen trotz der Kindheitserinnerungen an den großartigen Peter Ustinov – eine Ausnahmeerscheinung, wie man sie nur selten erlebt – scheint mir die beste Verfilmung dennoch jene mit David Suchet zu sein. Trotz der geringen Zeit, haben die Autoren den Grundkonsens des Romanes am besten verstanden. Und neben David Suchet glänzt Emily Blut in einer ihrer ersten Rollen.


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