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Dr. Jekyll & Mr. Hyde: Ein innovativer Klassiker

Zusammenfassung: Rouben Mamoulians „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von 1931 bleibt weit mehr als ein historisches Kuriosum. Es ist ein glühendes Plädoyer für filmische Innovation und schauspielerische Hingabe. Während spätere Adaptionen oft die moralische Parabel betonen, wagt diese Version den Blick in den animalischen Abgrund des Menschen – technisch brillant durch Karl Struss’ Filtertechnik unterstützt. Dass der Film trotz der Vernichtungsversuche von MGM überlebt hat, ist ein Segen für die Filmkunst. Er zeigt uns eine Zeit, in der das Kino mutig mit Tabus brach und visuelle Grenzen sprengte, bevor die Zensur das „Goldene Zeitalter“ reglementierte. Das tragische, actionreiche Finale lässt den Zuschauer mit der Frage zurück, ob der wissenschaftliche Fortschritt ohne moralisches Fundament zwangsläufig in der Katastrophe enden muss.


Robert Louis Stevensons Geschichte „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ gehört zu jenen Stoffen, die bereits mehrfach verfilmt wurden. Ein Umstand, der MGM im Jahr 1941 so gar nicht gefiel. Als eine Neuverfilmung mit Spencer Tracy geplant war, kaufte das Studio kurzerhand die Rechte an der Version von 1931 auf – mit dem Ziel, sämtliche Kopien vernichten zu lassen. Doch dieses Vorhaben scheiterte. So ist die frühere Verfilmung bis heute erhalten – und das ist ein Glücksfall für die Filmgeschichte, denn sie brachte Frederic March den ersten Oscar für die Darstellung in einem Horrorfilm ein.

Filmische Innovationen und Inszenierung

Dieser Oscar ist jedoch längst nicht der einzige Grund, warum der Film auch heute noch unter seinen zahlreichen Nachfolgern hervorsticht. Regisseur Rouben Mamoulian integrierte eine Reihe damals revolutionärer filmischer Mittel.

Bereits die ersten Minuten sind bemerkenswert: Die Handlung wird konsequent aus der subjektiven Perspektive von Dr. Jekyll erzählt. Erst als er zu seiner Vorlesung erscheint, wechselt die Kamera in eine konventionellere Zuschauerperspektive. Neben dieser Egoperspektive setzt Mamoulian auch Splitscreens ein, um visuelle Kontraste zu schaffen – etwa zwischen den beiden weiblichen Hauptfiguren, von denen die eine als Prostituierte und die andere als Tochter aus gehobenen Kreisen dargestellt wird.

Das größte technische Meisterstück ist jedoch die Verwandlung von Jekyll in Hyde. Kameramann Karl Struss entwickelte hierfür ein System aus farbigen Filtern. Frederic March trug ein mehrschichtiges Make-up, unter anderem mit grünen Farbtönen für Adern. Durch das schrittweise Verschieben von Farbfiltern vor der Kameralinse wurden bestimmte Farben im Schwarz-Weiß-Bild sichtbar oder unsichtbar gemacht. Da die Verwandlung in einer einzigen, ungeschnittenen Einstellung stattfand, wirkte sie auf das Publikum von 1931 wie pure Magie. Der zugrunde liegende Trick blieb über Jahrzehnte hinweg geheim.

Auch schauspielerisch setzt der Film Maßstäbe. March verkörpert Hyde nicht nur über die Maske, sondern durch eine extrem körperliche Darstellung: Er springt über Möbel, bewegt sich beinahe animalisch und spricht mit veränderter Stimme. Der Kontrast zwischen dem kontrollierten, aristokratischen Jekyll und dem entfesselten Hyde verleiht der Performance eine zeitlose Intensität. In gewisser Weise nimmt sie bereits Elemente vorweg, die später unter dem Begriff „Method Acting“ bekannt wurden.

Technisch war der Film seiner Zeit voraus – in Bezug auf Erotik erschien er hingegen gerade noch rechtzeitig. Während der Produktionszeit wurde in Hollywood der Hays Code entwickelt, der insbesondere sexuelle Darstellungen streng regulieren sollte. Seine konsequente Umsetzung begann jedoch erst wenige Jahre später. Szenen wie jene, in der die Prostituierte Ivy (Miriam Hopkins) Dr. Jekyll zu verführen versucht und unter der Decke kurz eine entblößte Brust sichtbar wird, wären kurze Zeit später mit hoher Wahrscheinlichkeit der Zensur zum Opfer gefallen.

Interpretation der Figuren und thematische Deutung

Im Vergleich zu vielen späteren Adaptionen entschied sich der Film dafür, Hyde als eine Art primitiven Urmenschen darzustellen. Während andere Versionen ihn als kultivierten, aber skrupellosen Gentleman zeigen, erscheint er hier als triebgesteuertes Wesen. Diese Interpretation unterläuft teilweise die im Film formulierte Motivation Jekylls: Statt Gut und Böse im Menschen zu trennen, spaltet er eher Zivilisation und eine verzerrte Vorstellung des „Primitiven“.

Gleichzeitig eröffnet dieser Ansatz eine interessante Lesart. Jekylls Experimente können auch als Versuch verstanden werden, die strengen moralischen und gesellschaftlichen Konventionen des viktorianischen Zeitalters zu durchbrechen. Diese hindern ihn beispielsweise daran, seine Verlobte Muriel (Rose Hobart) ohne Zustimmung ihres Vaters frühzeitig zu heiraten. Hyde wird so zum Ausbruch aus einem engen Korsett aus Anstand und Moral – ein Ausbruch, der zunächst befreiend wirkt, aber unweigerlich in Gewalt und Zerstörung mündet. So entwickelt sich Hyde zum sadistischen Ausbeuter Ivys und überschreitet schließlich endgültig die Grenze zur Barbarei, indem er Muriels Vater brutal ermordet.

Ein verändertes Ende und seine Wirkung

Das führt uns zum Ende des Films, das Mamoulian von allen Aspekten der literarischen Vorlage vielleicht am stärksten verfremdete – oder eigentlich komplett umgeschrieben hat. „Ich lege nun die Feder nieder und versiegle mein Geständnis. Hier endet das Leben des unglücklichen Henry Jekyll.“, lauten die letzten Zeilen von Jekylls Geständnis, das neben dem toten Leichnam von Hyde gefunden wird. Doch es war Jekyll, der für seine beiden Persönlichkeiten den Freitod gewählt hatte. Der Film endet mit etwas mehr Action. Bis zuletzt versucht sich Hyde noch vor dem Schafott zu retten, bis ihn eine Kugel niederstreckt. Tödlich getroffen verwandelt sich Hyde hier am Ende doch wieder zu Jekyll. Dadurch wird er am Ende, wenn auch durch den Tod, erlöst. Und dennoch erscheint er fast wie ein tragischer Held der griechischen Antike, der die Naturgesetze herausfordert und dafür einen grausamen Preis zahlt. Das Bild der brennenden Retorte im Labor am Ende des Films symbolisiert das Scheitern der menschlichen Wissenschaft gegenüber der göttlichen Ordnung.

Veröffentlicht in Intellektuelles

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