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Herr der Ringe: Schicksalsberg als Atomreaktor?

Zusammenfassung: Die Wissenschaft von Mittelerdezeigt, dass Tolkiens Werk weit mehr ist als Fantasie. Die fundierten Analysen der 38 Experten zeigen, dass die Tiefe von Mittelerde auf einem soliden Fundament aus Philologie, Naturwissenschaft und Philosophie ruht. Auch wenn manche Beiträge den Leser tief in die Thermodynamik oder Meteorologie entführen und ein gewisses Durchhaltevermögen erfordern, lohnt sich der Blick hinter die Kulissen. Das Buch zerstört nicht den literarischen Zauber, sondern veredelt ihn durch das Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen. Es ist eine Hommage an Tolkiens Detailverliebtsein und ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, die Welt – ob erfunden oder real – mit wachem Verstand und kindlichem Staunen zugleich zu betrachten.


War der Eine Ring radioaktiv? Möglicherweise, das vermutet zumindest Stephane Sarrade in seinem Beitrag zu Die Wissenschaft von Mittelerde. Er entwirft das Szenario, dass der Schicksalsberg, in dem Sauron Den Ring schmiedet, ein sogenannter Naturreaktor ist, wie er auch im afrikanischen Oklo-Gebiet vorkommt. Dann wäre Der Ring nicht nur aus Gold, sondern würde auch radioaktive Elemente enthalten, dank der beispielsweise unter bestimmten Bedingungen jene Elben-Schriftzeichen erscheinen. Und könnte die Strahlung nicht auch die Verwandlung von Sméagol in Gollum erklären?

Ganze 38 Experten und Wissenschaftler steuern in Die Wissenschaft von Mittelerde Beiträge bei, um die ausgedehnte Welt von J. R. R. Tolkien zu analysieren. Und wer könnte bezweifeln, dass der Autor von Herr der Ringe dazu reichlich Stoff hinterlassen hat.

„Wollen Sie erfahren, was das eigentliche Fundament von Mittelerde ist? Das Staunen und die Freude, welche mir die Erde, so wie sie ist, vermittelt – und ganz besonders die Natur.“

J. R. R. Tolkien

Bücher wie der Herr der Ringe oder Der Hobbit zu schreiben bedarf mehr, als die Fähigkeit, sich eine Geschichte ausdenken zu können. Tolkien schuf eine ganze Welt, inklusive deren mythologischer Vorgeschichte und eigenen Sprachen. Gerade die Sprachen nehmen beim Philologen Tolkien eine große Rolle ein, der schon als Kind eigene und äußerst komplexe Sprachen erfand. Man könnte deshalb vielleicht sogar behaupten, dass mit den Sprachen eigentlich alles begonnen hat. Und so nimmt natürlich auch die Sprachgeschichte einen großen Raum ein. 

Die Erschaffung einer ganzen Welt

Die Wissenschaft von Mittelerde widmet sich dieser neu geschaffenen Welt, wie man sich auch der realen Welt widmen würde. Würden die meisten Autoren unsere nicht Tolkiens Kreationen mit verwandten Bestandteilen der realen Welt vergleichen, man könnte glauben Mittelerde existiere wirklich. Das Buch beantwortet zahlreiche Fragen. Wer wollte nicht schon immer mal wissen, wie die Wettervorhersage in Mittelerde funktioniert? Oder wie der Stammbaum der Hobbits aussieht, und wann sich ihr Zweig von dem der Menschen unabhängig entwickelt hat? 

Besonders faszinierend für Freunde der Kryptozoologie sind die Beiträge, die sich mit der Fauna Mittelerdes auseinandersetzen. So wird am Beispiel von Kankra (Shelob) die biologische Machbarkeit von Riesenspinnen diskutiert. Ein Paläontologe und ein Arachnologe analysieren, wie ein Wesen dieser Größe mit einem Exoskelett und dem typischen Tracheen-Atmungssystem von Spinnen in unserer Atmosphäre überhaupt überleben und sich bewegen könnte. Diese Analyse zeigt exemplarisch, wie das Buch naturwissenschaftliche Gesetze nutzt, um Tolkiens Schöpfungen auf den Prüfstand zu stellen, ohne dabei den literarischen Zauber zu zerstören. 

Im Zweifel zählt, was geschrieben steht

Man widmet sich aber auch Streitfragen, wie etwa die sich zwischen Buch und Film widersprechende Erschaffung der Orks. Spoiler, wie beispielsweise auch bei der Darstellung der Olifanten, stehen die Autoren natürlich stets auf der Seite von Tolkien und nicht Peter Jackson. So manchem Nicht-Hardcore-Fan der Geschichten von Tolkien, wird nach der Lektüre wohl erst bewusst werden, wie oft selbst die von Anhängern allgemein Anerkannte Verfilmung von Peter Jackson vom Original abweicht. 

Foto des Buches "Die Wissenschaft von Mittelerde"
Buch Nr. 15 für dieses Jahr

Schwachpunkt von Die Wissenschaft von Mittelerde ist wohl zweifellos die große Anzahl der Themen, und die damit zwangsläufig einhergehenden Schwankungen von Niveau und Themenvielfalt. Nicht das ein wirklich schlechter Beitrag darunter wäre oder gar eine Themaverfehlung, aber das ein oder andere Essay ist eine Spur zu wissenschaftlich geraten und sicher wird sich nicht jeder Tolkien-Fan für die bereits erwähnte meteorologische Betrachtung von Mittelerde brennend interessieren.  Und manchmal steht der Leser auch vor nicht immer leicht verständlichen wissenschaftlichen Essays. Während die Theorie zum Naturreaktor im Schicksalsberg zum Beispiel für Laien faszinierend bleibt und populärwissenschaftlich geschrieben ist, setzen die Kapitel wie jenes über die exakte Thermodynamik von Drachenfeuer gefühlt mehr oder weniger ein Grundstudium der Physik voraus.

Insgesamt macht die Sammlung aber sehr schön deutlich, welche Energie J. R. R. Tolkien in die Erschaffung seiner Welten gesteckt hat und wie viel vom Autor selbst in sein Werk eingegangen ist. So mancher dürfte sich etwa fragen, wie der durch und durch konservative Tolkien, der sich selbst als Monarchist und nicht als “Demokrat” sah, seinen internationalen Durchbruch auch der Beliebtheit seines Werkes in der originalen Hippiebewegung verdankt. 

„Das Böse infiltriert Mittelerde über eine radikale Infragestellung des familiären Gefüges und die Errichtung einer totalitären Ordnung.“

Es sind aber auch überraschende Schlüsse in diesem Buch, wenn etwa Thierry Rogel in seiner ökonomischen Betrachtung feststellt, dass der stramme Anti-Kommunist Tolkien durchaus Sympathien für den linken Wirtschaftswissenschaftler Keynes hätte haben können. Was freilich eher daran lag, dass in Mittelerde noch eine alte Wirtschaftsform herrscht, die bei uns mit Aufkommen der Industrialisierung und der heute gängigen Marktwirtschaft endgültig abgelöst wurde. Ganz nebenbei ruft das Rogels Essay von Rogel damit in Erinnerung, dass es neben dem Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus sehr wohl noch eine Alternative gibt. Ein Freund der Industrialisierung war Tolkien bekanntlich nicht. Das deutlichste Zeichen im Herrn der Ringe findet man wahrscheinlich im Bild des abgeholzten Isengarts. Das als einst zerstörtes Paradies gezeichnet wird, das Saruman für seinen geradezu industriellen Feldzug an der Seite des Bösen geopfert hat. Aber auch in Mordor selbst, wo nicht mehr die Natur herrscht, sondern nur noch der Wille Saurons.

„Das moderne Leben, Mordor mitten unter uns.“

J. R. R. Tolkien

Am Ende zeigt Die Wissenschaft von Mittelerde eines ganz deutlich: Tolkiens Welt ist deshalb so unsterblich, weil sie nicht auf bloßen Hirngespinsten fußt, sondern auf einem tiefen Verständnis unserer eigenen Welt – ihrer Sprachen, ihrer Naturgesetze und ihrer menschlichen Abgründe. Ob der Eine Ring nun radioaktiv strahlt oder durch dunkle Magie wirkt, bleibt letztlich eine Frage der Perspektive. Doch wer Mittelerde nach dieser Lektüre erneut betritt, wird den Wald von Fangorn, die Schatten von Mordor und die Hügel des Auenlandes mit anderen Augen sehen – geschärft durch den Blick der Wissenschaft, aber ohne dabei das Staunen zu verlieren. Ein absolutes Muss für Fans, die wissen wollen, wie tief die Wurzeln des Weltenbaums tatsächlich reichen.

Veröffentlicht in Intellektuelles

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