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Wie im alten Rom

Ich bin ein großer Fan von sogenannten Büchertauschschränken, anders ließe sich mein Lesekonsum wahrscheinlich auch nicht mehr finanzieren. Ein gut sortierter Bücherschrank kann es mit Bücherläden durchaus aufnehmen. Wahrscheinlich ist er dem Einheitsbrei von Hugendubel, Thalia & Co. sogar überlegen. Man findet immer etwas und manches davon ist äußerst erhellend:

“Die Polizei trug ganz unnütz Tag um Tag Verbrecher jeden Alters zusammen; die Richter, von einem nicht mehr erklärbaren Wahn des Allesverstehens befallen, ließen die Verhafteten wieder frei, um die Menschen nicht zu kränken.”

„Der Staat war der Feind des ehrlichen Bürgers geworden. Er honorierte Ordnung nicht mehr, er ließ dem Krankhaften allen Schutz angedeihen und nannte es human.“

„Der Anständige war ihm als lebender Vorwurf suspekt und wurde diffamiert, um nicht zum Ankläger werden zu können.“

Die Zitate stammen allesamt aus einem Buch, das 1980 in der 2. Auflage erschien, die Tweets sind jedoch relativ aktuell. Und doch passen sie gut zusammen. Dabei zeigte sich der bereits 1988 in Florenz gestorbene Autor Joachim Fernau nicht als besonders hellsichtig, nein, die Zitate stammen allesamt aus dem letzten Kapitel von Caesar lässt grüßen – die Geschichte der Römer.

Der Vergleich zwischen dem Untergang des Alten Roms und des postmodernen postkolonialen Westens, ist in konservativen Kreisen beliebt. Doch so eloquent er zum Beispiel vom belgischen Historiker David Engels vertreten wird, für mich hakte es hier und da doch am ein oder anderen Ende. Aber beim Lesen des letzten Kapitels von Fernaus – übrigens außergewöhnlich amüsanten Ritt durch die römische Geschichte – Buch, wechsle ich nun ins Lager von Engels.

Denn, was ist das heute propagierte Bild des Zwischenmenschlichen anderes, als jenes, das Fernau für die Endzüge Roms beschrieb:

„Es existierten zwar Ehegesetze, irgendwo lagen sie, aber es ist unwahrscheinlich, dass Richter sie noch kannten. Die neue Zeit hatte auch ein neues Gewohnheitsrecht geschaffen, die Konsens-Ehe.“

Und folgender Absatz ist zweifellos die Wunschvorstellung jener, die Abtreibung als Gesundheitsleistung sehen und die Tatsache, das im Körper der Frau zwei Herzen schlagen können, für ein vernachlässigbares Kuriosum halten.

„Unerwünschte Neugeborene wurden von den Müttern erstickt, oder irgendwo weggeworfen. Man fand sie vor den Toren auf Schritt und Tritt.“

Wie weit sind wir davon wirklich noch entfernt?

Gut, man könnte an dieser Stelle klugscheißen und darauf hinweisen, dass im alten Rom der Vater Jahrhunderte das Recht hatte zu entscheiden, ob er das Kind annahm. Und wie heute bei Abtreibungen weltweit, haben darunter vor allem Mädchen gelitten. Aber was bedeutet heute schon „Geschlecht“?

„Das wär’s. Rom ging sang- und klanglos unter. Es wurde nicht wie Hellas besiegt, zerfetzt, verschlugen; es verunglückte nicht in der Kurve, es prallte mit niemanden zusammen, es stürzte nicht ab und bekam keinen Herzschlag. Es verfaulte.“

Und was davon übrig geblieben war, verschwand und wurde zur Touristenattraktion. So wie heute schon Gruppen asiatischer Touristen durch unsere Städte ziehen, deren Gebäude teils noch hoch in den Himmel ragen, aber bereits vom innerlichen Zerfall gezeichnet sind, der wie Schimmel auch auf das Mauerwerk übergeht. Wie muss dieser Verfall auf Menschen wirken, die selbst aus eine der aufstrebenden Region der Welt kommen? Wie Las Vegas? Unecht, sündig und nur noch auf Kommerz getrimmt? Oder wie die Ruinen des alten Roms auf uns wirken – vergangene Größe, aber irgendwie kaputt.

Veröffentlicht in Intellektuelles

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