In letzter Zeit gönne ich mir gerne eine Zigarre und ein gutes Buch im Siebold-Garten des ehemaligen LGS-Geländes in Würzburg. Ein ruhiges Fleckchen, dessen Zugang ein wenig versteckt ist und der hoch über diesem Teil des Geländes der ehemaligen Landesgartenschau liegt. Von hier aus kann man diesen Teil auch gut überblicken, und früher war der Ausblick auch gar nicht so schlecht. Doch seit einigen Jahren spart sich Würzburg das Wasser für’s Gelände und der Teich ist kaum mehr als ein algenverseuchter Tümpel, in dem ein einsamer, letzter Koi seine letzten Runden dreht. Der versiffte Mittelpunkt des Geländes, über den auch die Blütenpracht in den kommenden Wochen nicht hinwegtäuschen kann.
Ein Armutszeugnis, denn außer dem Tourismus hat Würzburg nur noch die Universität. Dieser große Moloch, der nur noch – wenn sie mit Talent hineingehen – im besten Fall mittelmäßige Akademiker ausspuckt und seine Hauptaufgabe längst darin gefunden hat, staatlich finanzierte Jobs ebenso sicherzustellen, wie einen grünen Oberbürgermeister mit der stärksten Fraktion hinter sich. Die wiederum einen Fahrradweg nach dem anderen auf die Straße pinseln und den Radfahrern einreden, sie seien die neuen Herrenmenschen. Mit außerordentlichem Erfolg, weniger zum Leidwesen der genervten Autofahrer als zu jenem der Fußgänger, die mitunter hastig zur Seite springen müssen, wenn der Fahrstil der neuen Herren sie wieder einmal in Lebensgefahr bringen.
Unikate auf Schienen
Natürlich auch am Bahnhof, dessen gemütliche kleine Hütten man beseitigt hat, weil man sie für einen Schandfleck hielt, und der jetzt wie ein provinzielles Frankfurt oder Berlin wirkt. Vor 20 Jahren hätte man sich fast “Würzburg – Provinz auf Weltniveau” zum Stadtmotto gegeben, es hätte inzwischen einen Beigeschmack. Zumindest ist man noch nicht so weit, dass die Spritzen den Weg pflastern, man hat es nur mit diversen Alkoholleichen zu tun, die sich auch schon mal in die Straßenbahn hieven, umkippen und den Verkehr lahm legen. Zur Freude der Straßenbahnfreunde aus ganz Deutschland, die mit ihren Fotoapparaten anreisen, weil hier Strabas fahren, die überall sonst schon längst außer Dienst gestellt werden. Neue sind zumindest bestellt, fahren sogar schon zur Probe. Aber bei Straßenbahnen dauert es. Das weiß man, wenn man auf die Straba der neuen Linie 6 wartet. Die war für die zweite Landesgartenschau 2018 fest eingeplant – dem Vernehmen nach läuft das mit dem Bau aber inzwischen. Zumindest mit dem Beschluss dazu im Stadtrat.
Der Bahnhof gilt als einer der hässlichsten im ganzen Land, was ich für übertrieben halte – jeder, der schon mal im benachbarten Schweinfurt war, wird das sicher bestätigen. Nur vor dem Bahnhof ist es halt hässlich. Wer hier ankommt, sieht die Alkoholleichen auf den Bänken und osteuropäischen Bettelbanden, die im Frühjahr auftauchen und auf der Wiese vor dem Bahnhof campieren – ehe sie auf eine benachbarte Wiese umquartiert werden. Getrennt von einem Mahnmal für die ermordeten Juden der Stadt. Ihre zu Stein gewordenen Koffer dienen – meist Neubürgern – heute nicht selten als willkommene Sitzgelegenheiten, wenn nicht gerade eine seelenlose Gedenkveranstaltung des Establishments angesagt ist, die so mit der Schande der Großväter beschäftigt ist, dass der neue Judenhass in Deutschland weitgehend ignoriert wird.
Der Freistaat sorgt für die Touristen
Immerhin kommen noch Touristen. Die Residenz ist Weltkulturerbe und gab vor Jahren sogar Versailles für eine misslungene Verfilmung der “Drei Musketiere” mit Christopher Waltz und Milla Jovovich. Die Festung thront über der Stadt, als ginge sie das alles nichts an. Beide haben das Glück heute im Eigentum des Freistaates zu sein, der hier in Bayern noch in die Erhaltung der eigenen Geschichte investiert, statt sie postkolonial umschreiben. Sonst lockt wenig nach Würzburg. Am letzten Wochenende der Katholikentag, dem Petrus wohl nicht ohne ein Grinsen nicht gerade prächtiges Maiwetter spendierte. Wo linksliberales Publikum schnell und irritiert an den Ständen von Maria 1.0 und Kirche in Not vorbeihuscht, um den christlichen Lesben ebenso ihre Unterstützung zu versichern, wie den christlichen BDSM-Liebhabern.
National ist Würzburg dann nur noch in den Medien, wenn wieder ein unsachgemäßer Messergebrauch Schlagzeilen macht. Den Opfern wird dann ein unscheinbares Denkmal gewidmet, das möglichst klein ist und wirkt wie ein abgebrochener Merkelpoller irgendwo im Nirgendwo. Wenn nicht hier und da – aus Sicht des Establishments wahrscheinlich Nazis – Blumen ablegen würden, würde niemand es bemerken.
Würzburg war mal eine lebenswerte Stadt mit einer bunt gemischten Bevölkerung. Damals, als “bunt” noch nicht hieß, mit Einheitsmeinung im Kopf und in Hipsteruniform für Arme durch die Straßen zu laufen. Als Bürgerliche sich noch trauten bürgerlich zu sein, statt unterwürfig in den Hinterausgang des grünen Zeitgeistes zu kriechen. Während man der Stadt einst die Großstadt nicht anmerkte, ist sie heute erkennbar auf den ersten Blick auf dem Weg wie all die anderen 100.000-Plus-Städte zu einem Ort zu werden, an dem am Ende nicht einmal mehr die grünen Hipster leben wollen, die es so weit kommen ließen. Die Schickeria wird es sich leisten können dann wegzuziehen, ohne freilich den geringsten Selbstzweifel zu spüren, der normale Würzburger, der seinen eigenen Untergang am Ende finanzieren musste, wird es aussitzen müssen.

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