Zusammenfassung: Das Verständnis des japanischen Kaisertums erfordert mehr als nur das Studium von Verfassungstexten oder politischen Analysen; es verlangt den Verzicht auf die eurozentrische Brille. Während Wieland Wagner zwar detailreich über die Ära von Hirohito und Akihito berichtet, bleibt er letztlich in westlichen Denkmustern gefangen, die das Individuum über das Kollektiv stellen. Der Tenno ist eben nicht nur ein „Symbol“, sondern das Herzstück einer Identität, die sich gegen äußere Diktate und innere Widersprüche behauptet. Wer Japan verstehen will, muss akzeptieren, dass Macht hier oft leise wirkt und Traditionen sich nicht einfach in liberale Schablonen pressen lassen. Der Tenno bleibt ein faszinierendes Unikum der Weltgeschichte – ein lebendiges Paradoxon zwischen göttlichem Erbe und moderner Repräsentation.
Der Begriff „Tenno“ wird allgemein mit „Kaiser“ übersetzt. Aber anders als der russische oder auch bulgarische Zar hat ein Tenno eigentlich wenig Beziehungen zu diesen auf Caesar zurückgehenden Herrscherbegriffen. In gewisser Weise ließe sich der Titel „Tenno“ besser mit dem des altägyptischen Pharao vergleichen. Damit käme man dieser japanischen Einzigartigkeit nicht nur in Jahrhunderten näher, sondern hätte auch die Brücke zur Gottgleichheit geschlagen. Denn wie der Pharao für seine Untertanen ein Nachfahre der ägyptischen Götter war, nahm auch der Tenno für sich nicht nur den Status des höchsten Priesters im Shintoismus in Anspruch, sondern galt bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auch als eigene Shintogottheit. Ein Status, den erst Tenno Hirohito offiziell ablegte – vor allem aus dem Grund, wie Spiegel-Autor Wieland Wagner in seinem Buch Das Erbe der Tennos richtig bemerkt, seine Dynastie auf dem Chrysanthementhron halten zu können. Hirohito zeigte sich sogar so flexibel, dass er nicht einmal selbst abdanken musste. Vielleicht hatte die amerikanische Außenpolitik auch eine Lehre aus dem Versagen von Präsident Woodrow Wilson gezogen und eingesehen, dass die Absetzung dreier Kaiser in Europa vor allem Faschismus und Kommunismus hatte an die Macht kommen lassen.
In seinem Buch legt Wagner hingegen dar, wie gerade der Tenno in den ersten Jahren zur Stabilität und Bündnistreue Japans seinen Beitrag geleistet hat. Wie er eine vom Sieger diktierte liberale Verfassung vertrat, in der er – auch das ein Unterschied zu den verbliebenen europäischen Monarchien – nicht einmal Staatsoberhaupt, sondern nur Symbol des Staates ist. Der Verfassung nach ist der Tenno vielleicht sogar weit schwächer als seine europäischen Kollegen, die – hätten sie nicht allesamt ihre Courage und Verantwortung längst in Museen eingemottet – hier und da durchaus noch ein Machtwort sprechen könnten. Stattdessen lassen sie sich zu Abdankungen wie in den Niederlanden drängen oder lassen sich für einen Tag für regierungsunfähig erklären, wie König Baudouin von Belgien, der sich weigerte, ein liberales Abtreibungsrecht zu unterschreiben. Durch kleine Gesten kann jedoch der machtlose Tenno durchaus Politik machen; denn auch wenn bei manch mächtigem Politiker der Respekt vor dem Tenno geschwunden ist, weiß er doch, dass er sich nie offen gegen ihn stellen kann.
Wer die Rolle des Tenno einschätzen will, dem ist mit Wieland Wagners Buch allerdings nicht weitergeholfen. Der Autor widerspricht sich hier selbst. Wird er im ersten Viertel des Buches seiner Aufgabe als Spiegel-Autor gerecht, gegen eine veraltete Institution wie die Monarchie anzuschreiben und ihr sinkende Beliebtheit zuzuschreiben, zeigt er in dem langen Teil, den Hirohitos Sohn Akihito einnimmt, doch, wie einflussreich selbst ein schweigender Tenno ist und – ohne es auszusprechen – eine ihm negativ gegenüberstehende Regierung in von ihm bestimmte Bahnen lenkt. Des Rätsels Lösung ist natürlich simpel: Während der „Kriegskaiser“ Hirohito aus linker Sicht nur Kreide gefressen haben konnte, war Akihito für einen deutschen Linken Balsam auf die Seele.
Die Aufarbeitung der Verbrechen des Zweiten Weltkrieges in Deutschland und Japan unterscheidet sich auch deshalb fundamental, weil die deutschen 1968er ihren Marsch durch die Institutionen bereits weitgehend abgeschlossen hatten, als Hirohito starb. Eine Aufarbeitung während seiner Regierungszeit schien jedoch undenkbar zu sein. Als jedoch sein Sohn Akihito damit begann, hatte sich das Rad der Geschichte weitergedreht. Für Menschen wie Wieland Wagner natürlich nicht, so wird er auch nicht müde, eine möglichst hohe Kluft zwischen dem Tenno und der Regierung Abe zu konstruieren. Während ersterer in für japanische Subtilität erstaunlicher Direktheit die Schuld Japans in der Vergangenheit anerkannte, kam die Regierung den Anforderungen der Gegenwart nach, in der endgültig klar wurde, dass die von den Amerikanern diktierte Friedensverfassung genau das war, was die Amerikaner gewollt hatten: Japan sollte leichte Beute bleiben.
Ich gebe zu, wenig von Wieland Wagner zu wissen, aber die Art und Weise, wie er über Japans Verfassung schreibt, macht ihn bestimmt auch zu einem großen Verfechter „unserer Demokratie“. Wird er doch nicht müde, eine Verfassung zu loben, die nach Wahlergebnissen von der Mehrheit der Japaner abgelehnt wird, aber dank der Amerikaner kaum veränderbar ist. Dass die Japaner stattdessen ein Talent gefunden haben, die ungeliebte Verfassung zu „interpretieren“, bedauert Wagner hier und da.
Was dieses an sich informative und recht gut geschriebene Buch jedoch wirklich schwach macht, ist wohl der Punkt, dass hier ein Beobachter mit gutem Blick fürs Detail Dinge beschreibt, die er im Kern nicht verstanden hat. Ein westlicher Linksliberaler hält nun einmal das Individuum für das größtmögliche Ideal, dem der Mensch nachstreben soll. Dass er trotzdem kollektivistische Ideologien wie den Islam oder Sozialismus herbeiredet – auch Wagner verharmlost die japanischen Kommunisten –, steht auf einem anderen Blatt. Aber zumindest was das Selbstbild angeht, kann ein solcher Beobachter zwar durchaus eine Faszination für die japanische Kultur im Allgemeinen und den Tenno im Speziellen entwickeln, er wird sie im Kern aber nicht verstehen und sich aus seiner durch und durch egozentrischen Position heraus immer als überlegen betrachten. Der abwertende Blick der europäischen Elite auf Asien hat sich in den letzten 400 Jahren nie verändert, nur die politischen Ideale der Europäer sind heute anders. Das merkt der Leser auch diesem Buch immer wieder einmal an.

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