Blockbuster sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. He-Man ist ein Flop, Mini-Yoda und sein Adoptivdaddy ziehen auch keine Massen in die Kinosäle. Und auch der Blick in die nahe Zukunft verspricht nichts Gutes. Supergirl ist dank seiner arroganten Hauptdarstellerin auf dem Schneewittchen-Zug aufgesprungen und verdirbt es sich mit ihrem Zielpublikum schon, bevor der Streifen überhaupt in die Kinos gekommen ist. Und mit Christopher Nolans Kniefall vor den DEI-Richtlinien sehe ich einen Boycott von Die Odysee als absolut gerechtfertigt an.
Doch das Kino hat ein Genre, dass sich wieder einmal anschickt den Film zu retten: den Horrorfilm
YouTube erobert die große Leinwand
Zwei Filme verweisen die Hollywood-Filme derzeit auf die hinteren Plätze und haben einen regelrechten Hype ausgelöst.

Obsession hat seinen Kinostart in Deutschland zwar verhunzt, weil er mal nach hinten und dann wieder nach vorn verschoben wurde, zieht aber dennoch sein überwiegend junges Publikum ins Kino. Der Film von Neuling Curry Barker hat mit seinem Independentfilm die Charts dennoch erklommen. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sich in eine Langzeitfreundin aus seiner Clique verliebt hat und eines Tages genau diesen Wunsch ausspricht. Doch schnell stellt er fest, dass eine Frau, die einen mehr als alles andere in der Welt liebt, von einem Mann besessen ist. Mit einer Million Produktionskosten dürfte der Film proportional betrachtet gute Chancen haben, der profitabelste Film des Jahres zu werden.
Kane Parsons’ Backrooms hat zwar 10 Millionen Dollar gekostet, ist aber dafür immer noch vergleichsweise günstig. Mit seinen verborgenen Gewirr an Räumen, die so surreal wirken als wären sie dem Hirn eines M. C. Escher entsprungen, bringt dieser Film das Phänomen der Creepypasta ins Kino. So eine Art GenZ-Version der Urban Legends der Gen X. Die Grundidee des Films geht auf ein einfaches Foto zurück, um das sich herum die ganze Geschichte gesponnen hat.

Barker und Parsons haben eines gemeinsam, sie sind eigentlich durch ihre Filme auf YouTube bekannt geworden und stellen damit die Ablösung von Steven Spielberg dar. Der Altstar ist ja augenblicklich mit Disclosure Day auch nicht gerade abgeht wie ein Tictac-Ufo auf den Schirmen von US-Kampfjets. Ein Generationenwechsel also?
Es ist schon ein wenig mehr, weil es Hollywood wieder einmal vor Augen führt, dass man mit künstlicher Diversität keine Punkte beim Publikum bekommt. Das will sich nämlich amüsieren. Nicht weil es gegen Diversität wäre, sondern weil sie die Vielfalt in Filmen sehen will und nicht um der Vielfalt willen. Chiwetel Ejiofor hat die Hauptrolle in Backrooms nicht wegen seiner Hautfarbe bekommen, sondern weil er der richtige Schauspieler für diese Figur ist.
Rückkehr zur Normalität
Zwar spielen beide Filme mit der Dysfunktionalität von Beziehungen, aber der sehnsüchtige Blick der Psychologin Mary (Renate Reinsve) auf eine mit ihrer Tochter spielende Mutter zeigt, dass es sich dabei doch am Scheitern an einem familiären Ideal handelt. Die Tragik der Charaktere liegen nicht darin, einem Zeitgeist nicht gerecht worden zu sein, sondern einer Wunschvorstellung der Mehrheit – des Publikums und nicht einer abgehobenen Hollywoodwelt, die ihre männlichen Kinder in Kleider stecken, um ihre Modernität vor der gierigen Paparazziwelt zu demonstrieren.
Das sich das Horrorgenre anschickt das Kino neu zu entdecken, ist eigentlich keine große Überraschung. Und es ist auch nicht das erste Mal.
Das Genre war schon immer dafür bekannt jung und innovativ auf der einen Seite zu sein, aber auch gesellschaftskritisch zu wirken. In George Romeros Nacht der lebenden Toten wurde der Rassismus angeklagt, als der letzte Überlebende einer Zombie Attacke ein Schwarzer von einem Trupp weißer Sheriffs erschossen wurde, weil sie ihn für einen Zombie hielten. Später wurde der Zombiefilm zu einer Anklage gegen den Konsumismus, der uns alle träge und teilnahmslos werden lässt. (Und dabei waren Smartphones noch nicht mal erfunden.) Der Werwolf erinnert uns an das Tier, dass in jedem schlummert und in einem Gewaltakt jederzeit ausbrechen kann. Der Vampir ist der Ausbeuter, der uns zu seinem Vorteil sprichwörtlich das letzte Blut aussaugt. Und Frankensteins Kreatur ist eine Warnung, dass wir Gott vielleicht für tot erklären können, aber der Glaube an die neuen Götter Monster gebiert.
Ja, das Genre ist anfällig für Schund, aber eben auch für Filmperlen, die selbst elitäre Cineasten begeistern können. Wenn sich an einen Kultfilm x Fortsetzungen anschließen, weiß man instinktiv, dass man eigentlich nur den ersten und den letzten Film der Reihe wirklich sehen muss. Ausnahmen bestätigen die Regel – meist wenn der angekündigte Abschluss so erfolgreich war, dass man doch noch ein paar Filme nachschiebt. Wer die Halloween-Reihe kennt, weiß was ich meine. Nightmare on Elm Street ist hingegen ein Beispiel für einen gelungenen Abschluss.

Während Obsession ein geschlossenes Ende hat, glaubt man hier und da, dass Backrooms wegen der vielen Fragen, die das Ende hinterlässt, eine Fortsetzung bekommen wird. (Und auch der Erfolg des Films könnte ein Argument sein.) Ich persönlich glaube das allerdings nicht, denn zumindest wenn die Macher bei A24 verstandenen haben, wobei es um Creepypasta-Storys geht, werden sie sich vor diesem Fehler hüten und lieber eine andere Story aufgreifen. Ähnlich wie bei den Urban Legends dürfte es dort reichlich Material geben.
Weniger CGI, mehr Horror
Gleichzeitig zeigen beide Filme, dass es gerade in Horrorfilmen gelingt auf die Überfrachtung an CGI und vorgekauten Erzählsträngen gänzlich zu verzichten. Dass Backrooms diesen Nerv trifft, liegt nicht zuletzt an einer völlig neuen Ästhetik, die das junge Publikum längst von den Bildschirmen ihrer Smartphones kennt: dem sogenannten „Analog Horror“. Während Hollywood versucht, schwindende Storys mit seelenloser, klinisch reiner CGI-Überladung im dreistelligen Millionenbereich zu kaschieren, setzt Parsons auf das genaue Gegenteil. Es ist die Kunst des Unbehagens, die aus körnigen VHS-Filtern, vermeintlich fehlerhaften Video-Feeds und der beklemmenden Stille sogenannter „Liminal Spaces“ – jener surrealen, menschenleeren Übergangsorte – erwächst.
Das Phänomen bricht mit der goldenen Hollywood-Regel, dem Zuschauer alles mundgerecht vorzukauen. Der wahre Horror entsteht hier nicht durch das, was auf der Leinwand explodiert, sondern durch das, was im Schatten des Verborgenen bleibt. Es ist die Angst vor der unendlichen, gelb tapezierten Monotonie, in der jeder Schritt das Echo der eigenen Einsamkeit widerhallt.
Indem Barker und Parsons diese rohe, minimalistische Erzählweise ins Kino bringen, führen sie die Traumfabrik auf schmerzhafte Weise vor. Sie beweisen, dass die intensivste Gänsehaut nicht käuflich ist, sondern im Kopf des Zuschauers entsteht – ein kreativer Befreiungsschlag, den das starre Studiosystem in seiner Fixierung auf glattgebügelte Blockbuster-Formeln schlicht verlernt hat.

[…] Obsession und Backrooms haben es Hollywood ja mal so richtig gezeigt, das habe ich dann hier besprochen. […]