Kein Film für jeden, aber ein guter Film. Anemone, der Erstling von Ronan Day-Lewis, war in den Kinos kein Blockbuster und bei den üblichen Bewertungsplattformen kommt der Film meist nur bei 50% heraus. Aber was sind Bewertungen dort heute schon wert? Und Filme wie Anemone haben das Problem oft schlechte Bewertungen zu bekommen, weil der Zuschauer anderes erwartet hat oder schlicht der Handlung wegen gelangweilt waren.
Was kann man von Anemone also erwarten? Mit Zwischenspielen in einer nordenglischen Stadt ist es fast ein Kammerspiel in den englischen Wäldern. Jem Stoker (Sean Bean) fährt hinaus, um nach 20 Jahren seinen als Einsiedler lebenden Bruder Ray Stoker (Daniel Day-Lewis) zu sehen und ihn zurück ins Leben zu holen. Die Familienverhältnisse sind kompliziert. Nachdem Ray vor 20 Jahren aus der britischen Armee geworfen wurde, ließ er seine schwangere Freundin Nessa (Samantha Morton) zurück. Stattdessen heiratete sie Jem, der Rays Sohn Brian (Samuel Bottomley) großzog. Doch die Lücke durch das Verschwinden ist groß und hat auch 20 Jahre danach noch Folgen. Brian ist in Schwierigkeiten und seine Mutter glaubt, erst wenn er wüsste, woher er stammt, käme er zur Ruhe.
Anemone ist ein schweigsamer Film. Nicht nur die beiden Brüder schweigen sich zuerst an, während sie sich nur langsam wieder näherkommen. Ray ist ein harter, abweisender Charakter, bei dem der Zuschauer spürt, dass er noch wie in seiner Jugend voll mit Aggressionen ist. Sein Bruder Jem, ebenfalls Ex-Militär, zeichnet sich durch die Geduld eines tief gläubigen Menschen aus, der selbst die Blasphemie seines Bruders (er)trägt.
Was dem Film an Dialogen fehlt, macht Ronan Day-Lewis durch seine Bilder wieder wett. Die Naturaufnahmen sind großartig komponiert und gleichzeitig in die Handlung eingewoben. Am deutlichsten wird das durch einen Hagelsturm mit tennisballgroßen Brocken, der über die Region hereinbricht. Ein reinigendes und doch vernichtendes Gewitter. Verstärkt werden die Bilder durch übernatürliche Einflüsse in den Träumen von Ray, die dem Film etwas Rätselhaftes geben.
Vielleicht ist das ein wenig das Problem des Films. Hier und da wird etwas eingestreut, was eigentlich nur die Handlung dehnt. Das Geheimnis, das es zu klären gibt, um zu verstehen, warum Ray die Menschen hinter sich gelassen hat, wird am Ende gelüftet. Am Anfang kommt eine Missbrauchsgeschichte auf und Ray erzählt, wie er sich an dem Priester rächte, der ihn im Kinderheim missbraucht hatte. Wobei er am Ende seinen Bruder fragt, ob er ihm diese Rache auch glaubt und damit auch den Zuschauer im Unklaren lässt, ob es doch nur eine Geschichte ist. Das bläht die Handlung des Films ein wenig auf und wirkt wie ein zusätzlicher Handlungsstrang, der am Ende keine Bedeutung hat. Das gibt einem Film, der von seiner unglaublichen Tiefe lebt, fast ein wenig Oberflächliches.
Was schade ist, denn insgesamt ist Anemone ein sehr guter Film über die Familie und den Krieg. Über die Frage, warum ein zum Kriegsverbrechen gewordener Gnadenakt bestraft wird, obwohl der ganze Krieg doch ein Verbrechen ist. Der Film spielt 20 Jahre nach Beginn der Troubles, der heißen Phase des Nordirlandkrieges, in der sich britische Truppen und die IRA Kämpfe lieferten. Ein Bürgerkrieg, der vielleicht der übelste aller Kriege ist, weil Brüder gegen Brüder kämpfen. In Anemone wird das dadurch verstärkt, dass die Stokers beide aus einer katholischen Familie stammen, aber im Krieg gegen die katholischen Nordiren standen. Wie gesagt, hätte diese Thematik, die anders als bei den Iren im britischen Film erstaunlich wenig vorkommt, schon als Hintergrund für diese Familiengeschichte genügt.
Der Film war Ronan Day-Lewis’ Erstling, das Buch hat er gemeinsam mit seinem Vater Daniel Day-Lewis geschrieben. Auch in den schlechten Kritiken erkennt man das Talent von Ronan an, der zweifellos eine große Karriere vor sich hat. Getragen wird der Film aber von den beiden Hauptdarstellern. Nicht allein von Daniel Day-Lewis, sondern auch von dem hervorragenden Mienenspiel Sean Beans. Großartige Leistung.
Insgesamt ist Anemone ein zweistündiges Epos und ein Lehrstück darüber, dass ein Krieg in den Köpfen der Soldaten nicht durch einen Sieg oder ein Friedensabkommen beendet wird.

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