Gerade aus konservativen Kreisen wirft man der Linken ja gerne vor, sie denke im Kern marxistisch. Und auch so mancher Linke hält sich für einen überzeugten Marxisten. Dabei irren beide: der eine, weil er sich nicht mit dem politischen Gegner beschäftigt, der andere, weil er sich gar nicht mit der eigenen Ideologie beschäftigen soll.
Der Aufstieg des Neomarxismus
Denn eigentlich ist die heutige Linke längst von Neomarxisten übernommen worden, als deren (Haupt-)Gründungsvater ich Herbert Marcuse bezeichnen würde, flankiert natürlich von Theodor Adorno.
Beide Linke stießen in Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders auf ein Problem. Dem Arbeiter ging es ganz gut. Er konnte sich ein Häuschen bauen, seine Familie ernähren und seine Kinder hätten es wahrscheinlich sogar noch besser als er. Das klingt zwar gut, für die Linken hatte das aber einen Nachteil: Der Arbeiter war zufrieden, und zufriedene Menschen gehen nicht auf die Barrikaden.
Die Linke hätte jetzt ihrer eigenen Theorie vertrauen können, der Tatsache, dass sich der weiter entwickelnde Kapitalismus in einigen Jahrzehnten – wie wir heute ja sehen – wieder gegen den Arbeiter wenden würde. Monopole, Machtzentrierung, Geld, das Geld schafft, ohne das menschliche Arbeitskraft vonnöten ist usw. usf.
Aber Marcuse und Adorno, oder wie sie alle hießen, waren am Ende nur alte weiße Männer. Sie waren nicht willens, die kommende Revolution abzuwarten, weil sie sie mit einiger Wahrscheinlichkeit gar nicht mehr erleben würden. Sie wollten die Revolution jetzt – so entstand der Neomarxismus.
Vom Arbeiter zur unterdrückten Gruppe
Vereinfacht gesagt, änderte der Neomarxismus das Zielpublikum. Nominell blieb der kleine Mann zwar immer noch im Programm, aber nur dann, wenn er sich für zu kurz gekommen hielt. Aufgefüllt wurde das Zielpublikum fortan durch jede noch so kleine Menge unterdrückter oder angeblich unterdrückter Gruppen. Das hatte vielerlei Vorteile. Eine granulierte Gesellschaft lässt sich leichter gegeneinander ausspielen – vulgo, beherrschen. Es ergaben sich aber auch ganz praktische Vorteile. So war die Erklärung der muslimischen Araber zur Zielgruppe damit verbunden, dass deren Terrororganisationen der Roten Armee Fraktion in waffenbrüderischer Treue zur Seite stand.

Freilich war der arabische Terror damals noch politisch links, während heute auch die Fatah ohne Islamismus nicht zu denken wäre. Das ist ein Widerspruch, der zwangsläufig war und nicht erst heute auftritt.
Dass bei einem granulierten Zielpublikum einzelne Gruppierungen widersprüchliche bis sich gegenseitig ausschließende Interessen haben, war den großen Denkern des Neomarxismus früh klar. Und sie fanden eine Lösung: Nicht drüber nachdenken.
Bildung vs. Schulung
Die klassischen Arbeiterbewegungen hatten sich nie nur die Verbesserung der Situation in den Fabriken zum Ziel gesetzt, sie betonten auch stets, wie wichtig das Thema Bildung war. Heute sind klassische Bildungsprogramme für diese Bevölkerungsschicht verkümmert. Im Gegensatz zum Marxismus(-Leninismus) spielt die Bildung beim Neo-Marxismus keine Rolle mehr. Sie wurde durch die Schulung ersetzt.

Die Unfähigkeit zur Widerspruchserkennung
Der moderne Linke muss mit Widersprüchen leben, die jeder Betrachter von außen für so offensichtlich hält, dass er nur von Doppelmoral oder kognitiver Dissonanz sprechen kann. Wie kann beispielsweise der muslimische Schleier in Deutschland ein Instrument der kulturellen Befreiung sein, während er im Iran ein Instrument der Unterdrückung ist? Was ist feministisch daran, biologischen Männern Zugang zu Schutzräumen für Frauen zu gewähren? Warum ist eine Zuwanderung in Sozialsysteme und untere Lohnschichten wünschenswert, wenn dabei nur Konkurrenten in einem ohnehin überlasteten Markt ins Land kommen? Die Liste ließe sich noch um einige Fragen verlängern.
Ein gebildeter Linker würde diese Widersprüche erkennen. In der Tat tun das auch einige, die dann allerdings das Schicksal eines Ausgestoßenen ertragen müssen. Ein in der Ideologie geschulter Linker leugnet nicht nur den Widerspruch, er ist sogar davon überzeugt, dass gar kein Widerspruch existiert. Der Widerspruch wird dann zu einem von Konservativen und Kapitalisten genutzten Propagandamittel.
Die klassische Arbeiterbewegung wollte den gebildeten Arbeiter, die neo-marxistische will den gläubigen Anhänger.
Der Glaube muss so absolut sein, dass ihn nichts ins Wanken bringen kann. Womit nebenbei auch erklärt wäre, warum die (moderne) Linke nicht mit Rechten redet. Wie man es in einer skurrilen und beängstigenden Pressekonferenz des Bündnisses Widersetzen nach den Protestaktionen während des AfD-Parteitages in Erfurt in einem Musterbeispiel sehen konnte.
Die Suche nach neuen Zielgruppen für die eigenen Ideen hat sich aber gerade in den letzten Jahren in eine regelrechte Abwärtsspirale verwandelt. An dieser Stelle wäre es zumindest theorie-wissenschaftlich interessant zu wissen, ob Marcuse oder Adorno das vorhergesehen haben, in der Praxis ist es aber wohl egal.

Zum Leidwesen der neo-marxistischen Linken sind die Widersprüche oft so eklatant, dass sie allein durch den gesunden Menschenverstand erkennbar sind. Man braucht kein Abitur oder mal mehr, mal weniger sinnfreies Studium, um sie zu erkennen. Vor allem die Arbeiter und kleinen Angestellten sehen den nackten Kaiser und mangels Alternative ist das einer der Gründe, warum die AfD trotz ihrer neoliberalen Wurzeln heute die eigentliche Arbeiterpartei in diesem Land ist.
Der Abgang des letzten klassischen Klientels stärkt natürlich die LGBTQ+- und vor allem islamischen Kräfte in der Bewegung. Dass sich diese beiden Gruppierungen in einer logischen Welt spinnefeind sein müssten, wird auf jeder pro-palästinensischen Demo widerlegt, auf der LGBTQ+-Aktivisten für ein System auf die Straße gehen, in dessen Heimat man sie durch die Straßen zu Tode schleifen würde. Langfristig sehe ich die islamischen Akteure übrigens im Vorteil; am Ende siegt, wer in der Überzahl und körperlich überlegen ist. Zudem verlieren die Linken seit einigen Jahren auch viele von LGBTQ+ enttäuschte Schwule und Lesben. Nicht nur, weil den einen gesagt wird, am Ende seien sie auch toxische weiße Männer, und die anderen keine Beziehung zu einer biologisch als Mann geborenen Lesbe haben wollen. Sondern auch, weil beide am Ende ein ganz normales Leben haben möchten, das sie eben mit einem Partner des gleichen Geschlechts leben wollen. Halbnackte Männer mit Hundemasken sind für sie ebenso ein Ausdruck eines Fetischs, den man sicher haben darf, aber nicht unbedingt vor Kindergartengruppen vorführen sollte.
Freilich kann man, zumindest solange man in einem demokratischen System agiert, nicht immer nur die entsprechenden Gesichter zeigen. So sind zwar durchaus queere und muslimische Aktivisten präsent, die Mehrheit der linken Gesichter scheint aber noch immer aus einer gebildeten, ausgesprochen bio-deutschen Schicht zu bestehen. Selbsternannte Intellektuelle, die eine alte Aussage von George Orwell bestätigen, dass es Ideen gebe, die so dumm seien, dass nur Intellektuelle sie glauben würden. Und „glauben“ ist, wie wir oben gesehen haben, genau die richtige Wortwahl. Ich gestehe freimütig, dass ich diesen Teil des linken Klientels sogar zutiefst verachte. Handelt es sich dabei doch um pro forma gut gebildete, meist besser verdienende Akademiker, die glauben, ihre Mieten seien zu hoch, ihre Straßen zu einheitsgrau und ihre Kinder – wenn sie trotz des Klimawandels welche haben – sollten in einer bunten, offenen Welt aufwachsen. In der ausgeblendeten Realität sind die Mieten für sie gut handelbar, für andere unbezahlbar. Die Straßen sind längst bunter als früher, aber auch die Messerdichte hat zugenommen. Und ihre Kinder schicken sie auf ausgesuchte Schulen, weil das Niveau der Schule um die Ecke mangels Deutschkenntnissen der Schüler indiskutabel ist. Es ist diese Klientel, die trotz aller Widersprüche und realen Gefahren eine Elite stützt, die sich anders nicht mehr an der Macht halten könnte.
Fazit: Der Verrat am Arbeiter
Das alles führt zu dem Schluss, dass die Linke zwar den Arbeiter in der Tat verraten hat, dass aber der Arbeiter zu Recht auch nichts mehr von der Linken wissen will.
Ob die AfD dafür die richtige Adresse ist, ich bezweifle es. Unabhängig davon, dass ich die Partei gegen die übliche Verteufelung jederzeit in Schutz nehmen würde, sehe ich doch keine Partei für Arbeiter und kleine Leute in ihr.
Hier rächt sich, dass die linke, vor allem von der einst sozialdemokratischen SPD getragene Arbeiterbewegung zu einem Zeitpunkt verschwindet, wo sich keiner mehr an die einst große und mächtige katholische Arbeiterbewegung (in deren Überresten ich selbst noch Mitglied bin) erinnert. Es gibt nur noch ein linkes Spektrum, das so tut, als würde es sich engagieren, in Wahrheit aber (wenn überhaupt) Veränderungen für das Prekariat bewirkt, und – nein, sonst gibt es eben gar nichts. Und ich fürchte leider, darin wird sich erst einmal nichts ändern.

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